2. Generationenspezifische Gesundheitsversorgung vor dem Hintergrund des demografischen Wandels

9. Die Demografie, d. h. Umfang und Struktur der Bevölkerung eines Landes, besitzt nicht nur für den medizinischen Behandlungsbedarf und die entsprechenden Gesund­heits­ausgaben Relevanz, sondern auch für die personellen Ressourcen, die für die Be­frie­digung dieses Bedarfs zur Verfügung stehen. Die Veränderung der Demografie übt damit sowohl auf die Nachfrage als auch auf das Angebot an Gesundheitsleistungen einen Einfluss aus. Indem demografische Prognosen über gesundheitspolitisch bedeut­sa­me Entwicklungen informieren, bieten sie eine Entscheidungsgrundlage, um den sich künf­­tig abzeichnenden Problemen bzw. Engpässen frühzeitig entgegenwirken zu kön­nen.

10. Demografische Prognosen versuchen aufzuzeigen, wie sich von der heutigen Situa­tion ausgehend Umfang und Struktur der Bevölkerung unter bestimmten Annah­men über die drei demografischen Komponenten Geburten, Sterbefälle und Wande­run­gen in einem künftigen Zeitraum entwickeln. Dabei interessiert im Rahmen des Gesund­heits­wesens unter Finanzierungs- und Versorgungsaspekten vor allem die Veränderung von Bevölkerungsanteilen zwischen bestimmten Altersgruppen, d. h. als demografische In­dikatoren dienen das Kohortenalter und die Kohortengröße. Die Prognose der Alters­kohorten stützt sich auf die 11. koordinierte Bevölkerungsvoraus­berechnung des Statis­tischen Bundesamtes, deren Annahmen zu den demografischen Komponenten Tabelle 1 zusammenfasst. Um Unsicherheiten hinsichtlich der Entwick­lung dieser Einfluss­fakto­ren Rechnung zu tragen, baut diese Vorausberechnung auf drei Alternativen zur Ge­burten­rate und je zwei zur Lebenserwartung und zum (positiven) Wan­de­­rungssaldo auf. Aus der Kombination dieser Annahmen ergeben sich insgesamt zwölf Szenarien. In diesem Kontext bildet die Variante 1 - W1 ("mittlere" Bevölkerung, Unter­grenze) die Grundlage sowie den Ausgangspunkt der Kohortenschätzungen und die beiden extre­men Szenarien, d. h. Variante 3 - W2 ("relativ junge" Bevölkerung) und Variante 6 - W1 ("relativ alte" Bevölkerung) dienen dazu, das Spektrum der möglichen demografi­schen Entwicklung aufzuzeigen.

Tabelle 1: Annahmen und Varianten der 11. koordinierten Bevölkerungsvoraus­berech­nung

Jährlicher Wanderungssaldo bis zum Jahr 2050

100 000 Personen (W1)
200 000 Personen (W2)

Geburtenhäufigkeit(durchschnittliche Kinderzahl je Frau)
annähernd konstant: 1,4leicht ansteigend von 1,4 auf 1,6 (2006-2025), danach konstantleicht fallend bis 2050 auf 1,2
Annahmen zur Lebenserwartung bei Geburt (im Alter von 60) im Jahr 2050
Basisannahme
männlich: 83,5 (25,3) Jahre
weiblich: 88,0 (29,1) Jahre
Variante 1 - W1 ("mittlere" Bevölkerung, Untergrenze)

Variante 1 - W2 ("mittlere" Bevölkerung, Obergrenze)
Variante 3 - W1

Variante 3 - W2
("relativ junge" Bevölkerung)
Variante 5 - W1

Variante 5 - W2
hoher Anstieg
männlich: 85,4 (27,2) Jahre
weiblich 89,9 (30,9) Jahre
Variante 2 - W1

Variante 2 - W2
Variante 4 - W1

Variante 4 - W2
Variante 6 - W1
("relativ alte" Bevölkerung)

Variante 6 - W2

Quelle: Statistisches Bundesamt 2006a, eigene Darstellung

 

11. Zentrale Maßzahlen zur Abbildung des demografischen Alterungsprozesses stellen die Altenquotienten "65" und "85" dar. Sie beziehen die ab 65- bzw. ab 85-Jährigen auf je 100 Personen der Bevölkerung zwischen 20 bis unter 65 Jahren. Tabelle 2 zeigt, dass sich der Altenquotient "65" nach der Basisvariante von 2006 (32,63) bis 2050 (64,35) nahezu verdoppelt. Die ausgewiesenen Altenquotienten "65" verdeutlichen auch, dass die Werte stark von den jeweiligen Annahmen über die demografischen Einfluss­faktoren abhängen, denn das Spektrum reicht im Jahre 2050 von 57,97 bis 70,92. In diesem Zusammenhang gilt es zudem noch zu beachten, dass sich die Alternativen, von denen diese Vorausberechnung u. a. bei der Lebenserwartung ausgeht, auf die Periodenbetrachtung stützen. Diese schreibt die heutigen Sterblichkeitsverhältnisse und die daraus abgeleitete Lebenserwar­tung in die Zukunft fort und klammert damit alle Effekte aus, die künftig u. a. vom medizinisch-technischen Fortschritt, von Lebensstil­variablen und anderen Faktoren auf die Lebenserwartung der Bevölkerung ausgehen. Die damit verbundene Unterschätzung der Lebens­erwartung führt dazu, dass die Alten­quotienten "65" und "85" letztlich auch noch höher als nach der Variante 6 - W1 ("relativ alte" Bevölkerung) ausfallen können.

Tabelle 2: Altenquotient "65"

Jahr
"relativ junge" Bevölkerung
Variante 3 - W2
"mittlere" Bevölkerung
Untergrenze
Variante 1 - W1
"mittlere" Bevölkerung
Obergrenze
Variante 1 - W2
"relativ alte" Bevölkerung
Variante 6 - W1
200632,6332,6332,6332,63
201033,5533,6233,5533,70
202037,9838,6837,9839,48
203050,2152,2150,2754,20
204057,1961,3557,9865,25
205057,9764,3560,1070,92

65-Jährige und Ältere je 100 Personen im Alter von 20 bis unter 65 Jahren

Quelle: Statistisches Bundesamt 2006b, eigene Darstellung

12. Der Altenquotient "85", der sich auf die Hochbetagten bezieht, besitzt insofern eine besondere Relevanz bezüglich des Pflegebedarfs und der Pflegeversicherung, als die Pflegeprävalenz ab einem Alter von ca. 80 Jahren stark ansteigt. Verglichen mit dem Altenquotienten "65" nimmt der Altenquotient "85", wie Tabelle 3 ausweist, im Prog­nosezeitraum erheblich stärker zu. Ausgehend von 3,22 im Jahre 2006 wächst er nach der Basisvariante auf 15,92 und im Falle einer "relativ alten" Bevölke­rung auf 19,71 d. h. auf das 4,9- bzw. auf das 6,1-fache, an. Bis zum Jahre 2020 findet schon ein Wachstum des Altenquotienten "85" auf das gut 1,6- bis 1,8-fache statt.

Tabelle 3: Altenquotient "85"

Jahr"relativ junge" Bevölkerung
Variante 3 - W2
"mittlere" Bevölkerung
Untergrenze
Variante 1 - W1
"mittlere" Bevölkerung
Obergrenze
Variante 1 - W2
"relativ alte" Bevölkerung
Variante 6 - W1
20103,863,873,863,89
20205,255,355,255,69
20307,557,867,568,90
20409,6110,389,7412,32
205014,0715,9214,5819,71

85-Jährige und Ältere je 100 Personen im Alter von 20 bis unter 65 Jahren

Quelle: Statistisches Bundesamt 2006b, eigene Darstellung

13. Da nur sehr wenige Jugendliche versterben und der Außenwanderungssaldo derzeit bestenfalls bei den weiblichen Jugendlichen im Alter von 15 bis 20 Jahren ein nennens­wertes Niveau erreicht, hängt die künftige Entwicklung der beiden Jugendquotienten "20" und "5" weitgehend von den Annahmen über die Geburtenrate ab. Wie Tabelle 4 zeigt, nimmt nach der Basisvariante der Jugendquotient "20" von 32,53 im Jahre 2006 über 30,02 im Jahre 2010 bis auf 28,14 im Jahre 2020 spürbar ab, steigt dann aber bis 2040 wieder auf 29,92 an. Die in der Variante "relativ junge" Bevölkerung höheren Quotienten gehen nahezu ausschließlich auf die Annahme zurück, dass hier die Gebur­tenrate bis 2025 von 1,4 auf 1,6 ansteigt und danach konstant bleibt.

Tabelle 4: Jugendquotient "20"

Jahr
"relativ junge" Bevölkerung
Variante 3 - W2
"mittlere" Bevölkerung
Untergrenze
Variante 1 - W1
"mittlere" Bevölkerung
Obergrenze
Variante 1 - W2
"relativ alte" Bevölkerung
Variante 6 - W1
200632,5332,5332,5332,53
201030,1230,0230,0129,98
202029,2428,1428,0927,60
203033,0729,8829,9928,32
204033,9429,9230,0427,72
205033,3829,1829,1926,63

Unter 20-Jährige je 100 Personen im Alter von 20 bis unter 65 Jahren

Quelle: Statistisches Bundesamt 2006b, eigene Darstellung

14. Der Jugendquotient "5" in Tabelle 5 unterliegt bei den beiden Varianten "mittlere" Bevölkerung im Prognosezeitraum leichten Schwankungen und erreicht im Jahre 2050 nicht ganz das Ausgangsniveau von 2006. Der etwas höhere Wert in der Variante 1-W2, die im Vergleich zur Basisvariante eine um jährlich 100 000 Migranten höhere (Netto-) Ein­wanderung unterstellt, lässt sich mit dem relativ hohen Außenwanderungssaldo bei den Frauen zwischen 20 und 25 Jahren erklären. Die unter­schiedlichen Annahmen über die Entwicklung der Geburtenrate schlagen sich somit beim Jugendquotient "5" erwar­tungs­gemäß noch deutlicher als bei den Jugendlichen in den jeweiligen Quotienten nieder.

Tabelle 5: Jugendquotient "5"

Jahr
"junge" Bevölkerung
Variante 3 - W2
"mittlere" Bevölkerung
Untergrenze
Variante 1 - W1
"mittlere" Bevölkerung
Obergrenze
Variante 1 - W2
"relativ alte" Bevölkerung
Variante 6 - W1
20067,027,027,027,02
20106,706,596,596,55
20207,466,746,826,42
20308,026,887,026.35
20407,866,716,806,11
20508,246,836,926,03

Unter 5-Jährige je 100 Personen im Alter von 20 bis unter 65 Jahren

Quelle: Statistisches Bundesamt (2006b), eigene Darstellung

15. Die für den bundesdeutschen Durchschnitt prognostizierte Entwicklung der Alten­quotienten verdeutlicht bereits, dass die demografische Entwicklung das Gesund­heits­wesen und hier vor allem die Pflege künftig vor erhebliche Herausforderungen stellt. Einer steigenden Nachfrage nach Gesundheits- und Pflegeleistungen infolge einer stark an­­wachsenden Kohorte der Hochbetagten steht ein schrumpfendes Arbeits­kräfte­poten­zial gegenüber, das die erforderlichen Leistungen zu erbringen vermag. Dies wirft schon hier die Frage nach einer generationenspezifischen Versorgung auf, die den Kriterien der Nachhaltigkeit, Effizienz und Effektivität bzw. Qualität genügt.

16. Da die Patienten die Gesundheitsversorgung überwiegend ortsnah, zumindest mit regionalem Bezug benötigen und die Erbringung von ambulanten und stationären Leis­tun­gen zumeist entsprechend räumlich dezentral stattfindet, liegt es nahe, auch die Ent­wicklung der demografischen Strukturen in den einzelnen Bundesländern zu betrach­ten. Wie Tabelle 6 ausweist, steigt der Altenquotient "65" vor allem in den neuen Bundes­ländern überdurchschnittlich an. Im Jahre 2050 verzeichnen Branden­burg mit 90,60 sowie Thüringen mit 80,73 die höchsten und Bremen mit 50,92 sowie Hamburg mit 57,50 die niedrigsten Werte. Der Altenquotient "65" in Brandenburg übersteigt damit den bundesdurchschnittlichen um 40,8 % und jenen in Bremen um 77,9 %. Die weit überdurchschnittliche Alterung in den neuen Bundesländern geht u. a. auf eine Alters­selektivität der Binnenwanderung zurück.

Tabelle 6: Altenquotient "65" in den Bundesländern

20052015202520402050
Baden-Württemberg30,0933,4141,3360,1563,38
Bayern30,3733,6641,0658,9962,00
Berlin26,3032,4539,4154,2763,87
Brandenburg31,5738,6055,9082,4390,60
Bremen33,2735,2739,1548,2550,92
Hamburg28,5229,9333,1449,1257,50
Hessen30,7634,8542,7562,0865,46
Mecklenburg-Vorp.31,4438,2355,6370,3674,51
Niedersachsen32,8536,6144,6763,4063,73
Nordrhein-Westfalen32,2234,4041,5858,3959,94
Rheinland-Pfalz33,0434,8244,2662,3462,95
Saarland35,1937,0747,3861,9059,89
Sachsen36,4143,7356,5768,9577,25
Sachsen-Anhalt35,0842,7658,1073,7378,53
Schleswig-Holstein33,2638,3344,9765,0666,65
Thüringen33,1940,7056,9473,8380,73
Deutschland31,6935,4743,9161,3564,35

65-Jährige und Ältere je 100 Personen im Alter von 20 bis unter 65 Jahren

Quelle: Statistisches Bundesamt 2006b, eigene Darstellung

17. Die Übersicht über die Entwicklung des Altenquotienten "85" in Tabelle 7 zeigt ein ähnliches Bild. Die neuen Bundesländer weisen in 2005 noch über­wiegend unterdurch­schnittliche Werte auf, büßen diese relativ günstige Ausgangs­position aber bis zum Jahr 2025 ein und rangieren im Jahr 2050 auch hier an der Spitze. Während der Alten­quotienten "85" im Bundesdurchschnitt auf das 5,2-fache ansteigt, wächst er in Mecklenburg-Vorpommern auf das 9,4-fache und in Brandenburg auf das 10,1-fache an. Die Betrachtung der Altenquotienten nach Bundesländern verdeutlicht somit die bereits erwähnte Problematik, künftig in Deutschland flächen­deckend eine qualitativ hochwer­tige Gesundheitsversorgung sicherzustellen.

Tabelle 7: Altenquotient "85" in den Bundesländern

20052015202520402050
Baden-Württemberg3,024,496,9410,1315,92
Bayern2,954,416,609,5814,94
Berlin2,913,526,349,2414,53
Brandenburg2,454,379,1314,5324,86
Bremen3,825,057,098,8912,19
Hamburg3,354,095,767,6212,42
Hessen3,124,616,9010,4616,11
Mecklenburg-Vorp.2,234,399,1513,4820,88
Niedersachsen3,294,817,4310,5516,05
Nordrhein-Westfalen2,994,546,729,3714,38
Rheinland-Pfalz3,224,726,9510,3015,75
Saarland3,014,807,3510,4315,28
Sachsen3,346,1010,4814,4020,39
Sachsen-Anhalt2,875,339,8714,3821,20
Schleswig-Holstein3,494,677,7310,7416,34
Thüringen2,655,059,3514,2921,35
Deutschland3,044,627,2510,3815,92

85-Jährige und Ältere je 100 Personen im Alter von 20 bis unter 65 Jahren, gerundete Daten als Aus­gangs­basis

Quelle: Statistisches Bundesamt 2006d, eigene Darstellung 

18. Im Unterschied zu den Altenquotienten weist die Entwicklung der Jugendquotien­ten "20" und "5" zwischen den Bundesländern keine einheitliche Tendenz auf. Im Basis­­­jahr 2005 verzeichnen die neuen Bundesländer und die Stadtstaaten die niedrigsten Wer­te, wobei diese Differenzen vornehmlich auf unterschiedliche Geburtenraten zurück­­­­­­gehen. Die Annahme einer Angleichung der Geburtenraten im gesamten Bundes­gebiet führt dann zu einer Verminderung der Differenzen zwischen den Jugend­quotien­ten der Bundesländer. Bis zum Jahr 2050 rücken dann einige neue Bundesländer, wie Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern, an die Spitze vor. Die im Jahr 2050 vergleichsweise hohen Jugendquotienten in den neuen Bundesländern dürften weit­­gehend auf den Rückgang der Erwerbsbevölkerung infolge der Altersselektivität der Binnenwanderung zurückgehen.

19. Für eine detailliertere regionale Analyse bieten sich mit Brandenburg und Hamburg zwei Bundesländer an, die sich hinsichtlich ihrer demografischen Entwicklung stark unterscheiden und zudem noch deutlich vom bundesdeutschen Durchschnitt abweichen. Nach der Prognose schrumpft die Bevölkerung in Brandenburg von 2005 bis 2050 mit 30 % doppelt so stark wie im Bundesdurchschnitt und die Erwerbsbevölkerung sinkt um fast die Hälfte ab. Dieser Rückgang der Erwerbsbevölkerung liegt um fast 20 Prozent­punk­te über dem Bundestrend. Dagegen nimmt die Bevölkerung in Hamburg nur um ca. 4 % und damit auch im Vergleich zum Bundesdurchschnitt nur moderat ab. Die Gruppe der Jugendlichen, die in Brandenburg um 43 % und im Bundesdurchschnitt um 37 % schrumpft, geht in Hamburg nur um 25 % zurück. Die Erwerbsbevölkerung sinkt hier mit 18 % um 11 Prozentpunkte schwächer als im Bundesdurchschnitt. Dieser kurso­ri­sche Vergleich deutet bereits darauf hin, dass die jeweilige demografische Entwick­lung diese Bundesländer mit in Inhalt und Intensität unterschiedlichen Problemen kon­fron­tiert. 

20. Die demografische Entwicklung führt nicht nur zu gesundheitspolitisch relevanten Veränderungen zwischen, sondern auch innerhalb von Bundesländern zwischen ver­schie­denartigen Siedlungsstrukturen und hier insbesondere zwischen städ­tisch und länd­lich geprägten Räumen. Der demografische Wan­del verändert vor allem die Alters­struk­tur in den ländlichen Regionen der neuen Bundes­länder beson­ders stark. Im Zeit­raum von 2006 bis 2025 geht die Bevölkerung in den länd­lichen Regionen der neuen Bundes­länder um 18,3 % zurück, während sie in den ländlichen Regionen der westli­chen Bundesländern konstant bleibt. Der Anteil der über 64-Jährigen an der Gesamt­bevöl­kerung, der im Jahre 2006 zwischen den alten und den neuen Bundes­län­dern nur Diffe­ren­zen bis 1,7 Prozentpunkte aufweist, steigt bis 2025 in den ländlichen Räumen der neuen Bundesländer auf 32,9 %. Er liegt damit um 8,2 Prozentpunkte über den länd­lichen Räumen der alten Bundesländer. Die Problematik der flächendeckenden Sicher­stellung einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversor­gung stellt sich künftig grund­sätzlich in ländlichen Räumen, aber in besonderem Maße in den ländlichen Räu­men der neuen Bundesländer. 

Tabelle 8: Der demografische Wandel im Vergleich zwischen ländlichen Regionen in Ost und West

WestOstLändliche Räume WestLändliche Räume Ost
Bevölkerungsentwicklung (in %)
1990/20066,7-8,78,3-13,7
2006/20250,5-10,70,2-18,3
Anteil der Einwohner 65 (85) und älter an der Gesamtbevölkerung (in %)
200619,4 (2,0)21,1 (1,9)19,9 (2,1)21,5 (1,7)
202523,3 (3,8)29,3 (5,0)24,7 (4,0)32,9 (5,6)
Entwicklung der Bevölkerung 65 (85) Jahre und älter (in %)
1990/200635,7 (34,2)39,1 (20,6)35,6 (43,9)48,9 (32,5)
2006/202521,3 (96,0)23,9 (132,2)24,6 (95,3)25,2 (167,6)
Einwohnerdichte (Einwohner je km2)
200626415311473
202526113711460

Zur Verdeutlichung ist das jeweilige Maximum bzw. Minimum der Werte fettgedruckt.

Quelle: Eigene Berechnungen auf Basis der Daten und Prognosen des Bundesamtes für Bau­wesen und Raumordnung (BBR)

21. Ein internationaler Vergleich der demografischen Entwicklung belegt, dass es sich bei der künftigen Alterung der Bevölkerung nicht um ein bundesdeutsches Spezifi­kum, sondern um einen internationalen Trend handelt. Die in Tabelle 9 für den Alten­quotienten "65" ausgewiesenen Werte basieren auf der "mittleren" Variante der demo­grafischen Prognose der Vereinten Nationen, die im Prinzip der Basisprognose des Statistischen Bundesamtes entspricht. Da die Vereinten Nationen eine im Zeitablauf deutlich ansteigende Geburtenrate unterstellen, fällt der Altenquotient "65" im Jahre 2050 hier mit 58,70 (gegenüber 64,35 des Statistischen Bundesamtes) spürbar niedriger aus. Gleichwohl verzeichnet Deutschland hinter Japan, Spanien und Italien den höchs­ten Altenquotienten "65", der auch 12 % über dem europäischen Durchschnitt von 52,13 liegt. Ein ähnliches Bild ergibt sich für den Altenquotienten "85", bei dem Deutsch­land mit 14,34 hinter Japan und Italien an dritter Stelle rangiert.

Tabelle 9: Der Altenquotient "65" im internationalen Vergleich

20052015 202520402050
Deutschland30,8034,1541,8958,5158,70
Frankreich27,7132,1438,9447,6849,37
Großbritannien27,0830,7234,8543,7044,34
Italien32,1536,9842,3462,3465,93
Österreich26,0130,0536,6453,9255,99
Spanien26,5529,6936,1556,2369,31
Schweiz24,9030,6037,6448,1346,53
Niederlande23,1030,3038,6650,8647,53
Norwegen24,7528,9234,5043,8743,71
Schweden29,2934,9839,5545,1244,79
Russland21,9819,8427,66>33,3042,41
Türkei9,8510,7914,6324,1131,69
Brasilien10,8113,2118,0026,7134,11
Kanada20,9725,8635,7945,6548,07
Vereinigte Staaten20,5423,7031,3536,5837,70
China12,3814,8321,8339,4442,47
Indien9,5710,3113,1218,3223,66
Japan32,2546,2753,5069,6780,20
Australien21,6726,8834,4443,2845,26
Afrika7,677,758,5910,0612,36
Europa25,8927,9235,0245,9152,13
Südamerika11,5713,6117,9025,8432,32

65-Jährige und Ältere je 100 Personen im Alter von 20 bis unter 65 Jahren

Quelle: United Nations 2006, eigene Darstellung

22. Vor dem Hintergrund einer steigenden Lebenserwartung und einer sich abzeichnen­den stärkeren Besetzung der höheren Altersgruppen interessieren hinsicht­lich der künf­tig zu erwartenden Nachfrage nach Gesundheitsleistungen und der Ausgabenent­wick­­­lung vor allem die alters- und geschlechtsspezifischen Ausgaben­profile. Wie Abbildung 1 veranschaulicht, steigen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversi­che­rung (GKV) für beide Geschlechter ab einem Alter von 50 Jahren deutlich an. Dabei liegt die stärkste Zunahme im Alters­bereich zwischen 50 und 80 Jahren und eine Trend­umkehr findet erst mit einem Alter von ca. 88 Jahren statt. Einen ähnlichen Verlauf wie die Profile der Gesamtausgaben der GKV wei­sen die entsprechenden durch­schnittlichen Aufwendungen im Krankenhaus und für Arzneimittel auf, wobei Letztere die stärkste Altersabhängigkeit unter den Leistungs­arten verzeichnen. Verglichen mit diesen Aus­gaben­profilen nehmen die durchschnitt­lichen Aufwendungen im Rahmen der ambu­lanten Behandlung erheblich schwächer zu und ab einem Alter von 73 Jahren wachsen die durchschnittlichen altersspezifischen Ausgaben bei den Frauen kaum noch und bei den Männern nur noch sehr moderat an. Diese spürbaren Unterschiede der Ausgaben­profile zwischen der Krankenhaus- und der ambulanten Behandlung betonen angesichts der absehbaren Alterung der Bevölkerung die Notwendigkeit, künftig weitmöglichst stationäre durch ambulante Leistungen zu substituieren.

Abbildung 1: Alters- und geschlechtsspezifische Ausgabenprofile in der GKV

Werte ohne EU-/BU-Rentner und ohne Risikopool

Quelle: Bundesversicherungsamt 2008, eigene Berechnung, eigene Darstellung

23. Angesichts der noch immer steigenden Lebenserwartung stellt sich sowohl unter epidemiologischen und wohlfahrtstheoretischen als auch unter kosten- bzw. ausgaben­orientierten Aspekten die Frage, in welchem Gesundheitszustand die Menschen künftig die hinzugewonnenen Lebensjahre verbringen. Die hinzugewonnenen Lebensjahre erhö­hen grundsätzlich die gesundheitlichen Outcomes und damit die Wohlfahrt der Betrof­fenen, allerdings geschieht dies in stärkerem Maße bei gesund verbrachten zusätzlichen Lebensjahren. Die These von der absoluten Morbiditätskompression geht davon aus, dass sich vornehmlich infolge erfolgreicher Verhaltens- und Verhältnis­prävention der Eintritt chronischer Erkrankungen hinausschiebt und sich somit mit steigender Lebens­erwartung die Länge der in Krankheit verbrachten Lebenszeit verringert. Nach der relativen Variante dieser These nimmt lediglich der Anteil der Lebenszeit mit einer chroni­schen Erkrankung an der Gesamtzahl der Lebensjahre ab.  

24. Im Gegensatz dazu unterstellt die These von der absoluten bzw. relativen Morbi­di­tätsexpansion, dass vor allem bedingt durch den medizinisch-technischen Fortschritt die Zahl der in Krankheit verbrachten Lebensjahre absolut zunimmt bzw. ihr Anteil an der Gesamtzahl der Lebensjahre steigt. Im Vergleich zur These von der Morbiditäts­ex­pan­sion erleichtert jene der Morbiditätskompression zwar ceteris paribus die Finan­zie­rung der Gesundheitsversorgung, ohne Kenntnis der künftigen Krankheits- und Sterbe­­kosten lassen sich aber keine fundierten Aussagen über die Effekte machen, die von einer stei­genden Lebenserwartung auf die Ausgabenentwicklung ausgehen. Bei im Zeitablauf stark zunehmenden Sterbekosten kann auch die Morbiditätskompression mit einem Wachs­tum der Gesundheitsausgaben einhergehen. Umgekehrt besteht ebenso die Mög­lich­keit, dass bei Morbiditätsexpansion die Ausgabenentwicklung dank einer Kos­ten­­sen­kung durch wirksame Maßnahmen im Bereich der tertiären Prävention moderat ver­läuft.

25. Ein Blick auf die Altersstruktur der im Gesundheitswesen Beschäftigten in Abbildung 2 zeigt, dass in den letzten zehn Jahren der Anteil der über 50-Jährigen über alle gezeigten Gesundheitsberufe hinweg von 18,3 % im Jahre 1997 auf 24,8 % im Jahre 2007 anstieg. Dabei sank im Vergleich zur stationären in der ambulanten Versor­gung die Zahl der unter 40-jährigen Ärzte von 1995 bis 2007 überdurchschnittlich und hier weisen die Hausärzte die ausgeprägteste Alterung auf. Die bisherige Entwicklung der Gesundheitsberufe und ihre derzeitige Altersstruktur unterstreichen damit die Herausforderung der Gesundheitspolitik, künftig flächendeckend eine hochwertige Ver­sorgung sicherzustellen. 

Abbildung 2: Altersgruppen der Berufsgruppen im Gesundheitswesen, 1997 und 2007

Quelle: Eigene Berechnung auf Basis der Daten der Gesundheitspersonalrechnung (www.gbe-bund.de)


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