10.2 Einschätzung der Versorgungslage aus Sicht der Befragten

94. Die folgenden 13 Organisationen haben zur Versorgungslage im Bereich der Pneumologie (ICD-9 490-496 bzw. ICD-10 J41-J46) Stellung genommen[1]


[1] Der Rat gibt im Folgenden die zentralen Aussagen aus den eingegangenen Stellungnahmen der befragten Organisationen wieder. Die Originaldokumente sind auf den Internet-Seiten des Rates (www.svr-gesundheit.de) im Volltext einsehbar.

 

Tabelle 15: Organisationen, die Aussagen zu Über-, Unter- und Fehlversorgung bei chronischen, obstruktiven Lungenerkrankungen getroffen haben

Name der Organisation (A - Z)Organisationstyp
BÄK, KBV und Ärztliche Zentralstelle für QualitätssicherungKAiG und Sonstige
Arbeitsgemeinschaft Allergiekrankes Kind - Hilfen für Asthma, Ekzem oder Heuschnupfen e.V.Betroffenen-Organisation
Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e.V.KAiG und Sonstige
Bundesverband selbständiger PhysiotherapeutInnenKAiG und Sonstige
Bundesarbeitsgemeinschaft Kind und Krankenhaus e.V.Betroffenen-Organisation
Deutsche Gesellschaft für PneumologieFachgesellschaft
Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und JugendmedizinFachgesellschaft
Deutscher StädtetagKAiG und Sonstige
Niedersächsisches Ministerium für Frauen, Arbeit und SozialesKAiG und Sonstige
Spitzenverbände der GKV und der MDSKAiG und Sonstige
Verband der privaten KrankenversicherungKAiG und Sonstige
Verband Forschender ArzneimittelherstellerKAiG und Sonstige
Verband physikalische TherapieKAiG und Sonstige

 

Prävention

195. Sowohl beim Asthma bronchiale als auch bei der COPD wurden hohe ungenutzte präventive Potenziale gesehen. Ein großer Teil der Erkrankungen an COPD sei durch Nicht-Rauchen zu verhindern. Mängel in der Aufklärung von Eltern über Maßnahmen zur Allergie- und Asthmaprävention wurden ebenso kritisiert wie das Fehlen von Anti-Tabak-Kampagnen und Raucherentwöhnungsprogrammen. Der (bereits im Grundschulalter einsetzenden) Prävention des Rauchens wurde höchste Bedeutung beigemessen. Für die Zielgruppe der rauchenden Jugendlichen sollten vorhandene, gezielt entwickelte Sekundärpräventionsprogramme zum Einsatz kommen. Generell seien flächendeckende Angebote für entwöhnungswillige Raucher verfügbar zu machen. Auf die sekundär- und tertiärpräventive Bedeutung von adäquater Medikation und Patientenschulung inklusive nicht-medikamentöser Therapieansätze und sportlicher Betätigung wurde ebenfalls nachdrücklich hingewiesen.

Diagnose und Therapie

196. Alle Befragten gingen von einer generellen 'Unterdiagnostik' chronischer, obstruktiver Lun­generkrankungen aus und sahen vielfach die Notwendigkeit struktureller Veränderungen in der pneumologischen Versorgung in Deutschland. Es wurde auf die unangemessene Mengenausweitungen bei ambulanter allergologischer Diagnostik und der Verordnung von Antiallergika sowie die unzureichende Qualitiätssicherung in Diagnostik und Therapie obstruktiver Atemwegserkrankungen hingewiesen.

Pharmakotherapie

197. Nach weitgehend übereinstimmender Meinung der Befragten gebe es in Deutschland eine - auch im internationalen Vergleich - zu hohe Anzahl pharmakotherapeutisch unter- und/oder fehlversorgter Patienten. Beim Asthma bronchiale würden in Deutschland zur Basistherapie zu wenig inhalative Corticoide verordnet. Nur etwa ein Drittel der Patienten sei damit angemessen behandelt, dagegen erfolge eine zu häufige Verordnung von kurzwirksamen inhalativen Beta-Sympathikomimetika und Theophyllin-Präparaten. Die medikamentöse Behandlung werde nicht ausreichend dem (wechselnden) Schweregrad der Erkrankung angepasst, was z. T. zu schwerwiegender Fehlversorgung der Patienten führe. Bei der COPD würden ebenfalls kurzwirksame inhalative Beta-Sympathikomimetika und Theophyllinpräparate zu häufig verordnet, was als Fehlversorgung zu werten sei. Infektionen der Atemwege würden bei Patienten mit COPD zu selten bzw. zu spät antibiotisch behandelt. Dies führe zu vermeidbaren Exazerbationen der Grunderkrankung mit entsprechenden direkten und indirekten Folgekosten.

Die Ursache für das oben beschriebene Nebeneinander von Über-, Unter- und Fehlversorgung in der Pharmakotherapie wurde in erster Linie in Qualifikationsdefiziten bei den behandelnden Ärzten gesehen, wobei die Versorgung durch pneumologische Spezialärzte besser sei als durch Nicht-Pneumologen. Lungenfachärzte stünden jedoch nicht (flächendeckend) in ausreichender Zahl zur Verfügung.

Patientenschulung

198. Kritisiert wurde ferner die mangelnde Etablierung der nach dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis erforderlichen Asthmaschulung. Schulungsprogramme seien zwar entwickelt, kämen aber nicht flächendeckend zum Einsatz. Dies bedinge mangelnde Kenntnisse der Betroffenen über den richtigen Umgang mit Applikationshilfen und den verordneten Medikamenten. Die Einbeziehung der Eltern bzw. der Familien bei der Betreuung und Schulung asthmakranker Kinder sei unzureichend. Auch auf fehlende Asthmasportgruppen wurde hingewiesen.

Rehabilitation

199. Eine Betroffenenorganisation berichtete über die häufige Ablehnung von Rehabilitationsmaßnahmen für an Asthma erkrankte Kinder. Bei Erwachsenen finde die Rehabilitation von Patienten mit obstruktiven Atemwegserkrankungen oft zeitlich verzögert (d. h. mit zu großem Abstand zu klinischen Verschlechterungen) statt. Auch sei die ambulante bzw. teilstationäre, wohnortnahe Rehabilitation ein zwar wünschenswertes, jedoch bislang nicht erreichtes Ziel. Rehabilitative und akutversorgende Strukturen, Einrichtungen und Maßnahmen seien nicht optimal aufeinander abgestimmt. Die Bedeutung der Rehabilitation vor allem für Patientenschulung, Raucherentwöhnung, körperliches Training etc. wurde hervorgehoben.

Die Gründe für diese Defizite wurden in den bestehenden finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen gesehen. Daher sollten bei einem Asthma-Case/Disease-Management ambulante, stationäre und rehabilitative Maßnahmen - unter Einbeziehung der Patienten - vernetzt und entsprechende Anreizsysteme für Anbieter und Betroffene entwickelt werden.


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