5. Einleitung: Versorgung in ländlichen Regionen

151. Der Sachverständigenrat hat die Aufgabe, im Rahmen seiner Gutachten Prioritäten für den Abbau von Versorgungsdefiziten und bestehenden Überversor­gungen zu entwickeln und Wege zur Weiterentwicklung des deutschen Gesundheits­wesens aufzuzeigen. Das jetzt vorgelegte Gutachten knüpft an das bereits im Jahr 2000/2001 publizierte Gutachten zur „Über-, Unter- und Fehlversorgung“ an. Damals bezog sich die Analyse einer möglichen Unterversorgung auf einzelne medizinische Indikationen; eine regionale Unterversorgung erschien kaum vorstellbar oder höchstens als ein Ergebnis extremer regionaler Besonderheiten.

Inzwischen sind nicht nur die Herausforderungen, die durch den demografischen Wandel, den technologischen Fortschritt und die Ausweitung der Angebotskapazitäten an die Finanzierung des Gesundheitssystems gestellt werden, stärker in das öffentliche Bewusstsein gelangt, sondern auch die teilweise gefährdete Versorgungssituation ins­besondere in strukturschwachen, ländlichen Regionen. Während Versorgungs­kapazi­täten insgesamt im internationalen Vergleich auf sehr hohem Niveau vorhanden sind, drohen innerhalb des Bundesgebietes zunehmende Schieflagen zwischen Ballungs­gebieten und der Fläche. Akteure in Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik sowie in der Selbstverwaltung suchen nach Lösungen für eine nachhaltige Versorgung ländlicher Räume, die sich zunehmend entleeren (vgl. Abbildung 3) und deren zurückbleibende Bevölkerung überdurchschnittlich stark altert.

Abbildung 3: Künftige Bevölkerungsentwicklung in den Mittelbereichen

 Quelle: BBSR 2011; eigene Darstellung

Erste für die Versorgung im ländlichen Raum besonders relevante Änderungen brachte das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz im Jahr 2007, das u. a. Zweigpraxen, Teilzeitarbeit von Vertragsärzten und in unterversorgten Gebieten eine Berufsausübung über die Altersgrenze von 68 Jahren hinaus ermöglichte. Zahlreiche auf Über- und Unter­versorgung bezogene Maßnahmen, u. a. die Aufhebung der sogenannten Residenz­pflicht, folgten mit dem Versorgungsstrukturgesetz (VStG vom 22. Dezember 2011). Mithilfe einer Befragung aller KVen, die von der KBV koordiniert wurde, hat der Rat für dieses Gutachten neben der regionalen Versorgungssituation die Nutzung insbesondere der im VStG vorgesehenen Instrumente untersucht. Die Ergebnisse sind im Kapitel zur haus- und fachärztlichen Versorgung dargestellt.

Neben einer bislang eher zögerlichen Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung ist als weiterer wichtiger und entwicklungsfähiger Ansatz die Möglichkeit der Bildung von gemeinsamen Gremien auf Landesebene zu sektorenübergreifenden Versorgungsfragen nach § 90a SGB V zu nennen. Zwischenzeitlich haben alle Flächen­länder ein solches oder ein vergleichbares Gremium auf den Weg gebracht. Um weitere Bemühungen auf Ebene der Bundesländer, Landkreise und Kommunen zu erfassen, hat der Rat neben einer Literaturrecherche auch die Landes­gesundheits­ministerien und die Landkreistage um Auskunft zu Maßnahmen, Projekten und Initiativen zur Sicher­stellung der Versorgung im ländlichen Raum gebeten. Die Ergebnisse werden im Kapitel 9 dargestellt und beispielhaft um innovative Modelle aus Deutschland sowie zwei dünn besiedelten Staaten – Kanada und Finnland – ergänzt.

152. Die bislang getroffenen Maßnahmen waren leider nicht in der Lage, eine kontinuierliche Verschärfung der vereinzelt bereits sich abzeichnenden und in einigen Regionen drohenden Unterversorgung zu verhindern. Im Koalitionsvertrag sind weitere Maßnahmen vorgesehen, die in die richtige Richtung gehen, vermutlich aber ebenfalls allein nicht ausreichen werden, um längerfristig eine bedarfsgerechte Versorgung sicher­zustellen. Abschließend werden daher weitergehende Vorschläge zum Abbau von Ver­sor­gungs­defiziten und bestehenden Überversorgungen sowie zu erfolg­verspre­chenden multiprofessionellen Modellen stärker integrierter Versorgungs­angebote für ländliche Regionen unterbreitet.


Weiter zu Kapitel 6: "Ambulante vertragsärztliche Versorgung"

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